Corona und Gender – ein geschlechtsbezogener Blick auf die Pandemie und ihre (möglichen) Folgen

Ein Arbeitspapier von Regina Frey

„Es sind die Frauen, die das Land rocken“ titelt der Tagesspiegel.

Plötzlich erweisen sich Pflegerinnen und Supermarktkassiererinnen als systemrelevant. Die Kanzlerin bedankt sich ganz ausdrücklich bei diesen Beschäftigten, die jetzt das Überleben sichern. Wer sich schon länger mit Geschlechterfragen befasst, ist weniger überrascht: Die feministische Ökonomie analysiert seit Jahrzehnten die gesellschaftliche Bedeutung dieser oft unsichtbaren und nicht bzw. unterbezahlten Arbeit, die sogenannte Sorge- oder „Care“-Arbeit.

Das Gutachten zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (2017)4 trägt dies im Titel: „Erwerbs undSorgearbeit gemeinsam neu gestalten“. Die Forderungen zur Aufwertung dieser vor allem von Frauen geleisteten Arbeit stehen also schon lange im Raum und die Politikempfehlungen dazu liegen allesamt auf dem Tisch: bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung, außerdem eine Reform der Aus- und Weiterbildung. Die Berufe sollten nicht
vorzeitig wegen Überlastung verlassen werden müssen und ordentliche Aufstiegschancen bieten, also zu „Lebensberufen“ werden. Der Satz aus dem entsprechenden Themenblatt zum Gleichstellungsbericht bekommt vor dem Hintergrund der jetzigen Situation einen bitteren Beigeschmack: „Die Kosten dieser Aufwertung sind wesentlich niedriger, als wenn die Gesellschaft auf dem Pfad der Billigdienstleistungsökonomie verbliebe.“5

Die hierzulande vorherrschende Trennung des Arbeitsmarktes in typische „Frauenberufe“und „Männerberufe“ hat historische Gründe und beruht auf Geschlechterstereotpyen. Frauen werden pauschal als kompetenter für die Arbeit mit Menschen gehalten, während Männern ein besseres Verständnis von Technik und den Umgang mit Maschinen zugeschrieben wird. Dass die Entlohnungs- und Aufstiegsstrukturen in diesem vergeschlechtlichten
Arbeitsmarkt für Frauen im Schnitt schlechter sind, ist inzwischen gut belegt und bekannt.

Das Gesundheitspersonal (5,7 Millionen Beschäftigte) sind zu über Dreiviertel Frauen6, viele von ihnen haben eine Migrationsgeschichte. Sie sichern das Überleben unter hohen Belastungen und nun auch noch mit dem ständigen Risiko, sich selbst zu infizieren. Auch im Einzelhandel beträgt der Frauenanteil knapp 70 Prozent.7 Die Kassiererin, die unsere Versorgung sicherstellt, ohne dass vorgegebene Hygienestandards eingehalten werden können (z.B. zwei Meter Mindestabstand), sie ist plötzlich auch systemrelevant. Bis heute arbeitet dieses Personal, wie zumindest in Berlin zu beobachten ist, ohne Mundschutz und
Handschuhe, ohne Trennwand oder sonstigen Schutz. Wenn jetzt die Rufe nach mehr Anerkennung dieser Berufsgruppen laut werden und Bundeskanzlerin Angela Merkel ihnen explizit dankt8, ist das schön.

Noch besser wäre es gewesen, bereits vor dem Ausbruch von Corona gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, um das Gesundheitssystem und den Einzelhandel auf eine stabilere Personalbasis zu stellen. Das geht nur mit einer besseren Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Schon vor Corona betraf die „Care“-Krise nicht nur die bezahlte Sorgearbeit. Auch schon vor dem Virus waren diejenigen überlastet und gestresst, die sich unbezahlt um Kinder, Alte und
Kranke kümmern, auch auf Kosten ihrer eigenen finanziellen Absicherung.

Diese Care-Arbeit wurde bereits vor der Schließung von Kitas und Schulen zum größten Teil von Frauen getragen: sie leisten im Schnitt eineinhalb mal mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer, der „Gender Care Gap“.9 Diese Arbeit verteilt sich jetzt neu und es wird sich zeigen, ob sich Männer verstärkt in die Hausarbeit einbringen oder sich der Care Gap noch weiter öffnet. Wenn Chefvirologe Drosten (Hamburger Abendblatt: „PodcastStar“) feststellt, dass es in den
wichtigsten Bereichen der Medizin einen erheblichen „Frauenüberschuss“ gebe, und dies junge Mütter seien, die „dann nicht mehr zur Arbeit gehen können“10, dann stellt sich ja schnell die Frage: Wo bleibt jetzt eigentlich der „Überschuss“ an Vätern?

Besonders hart trifft der Wegfall der Betreuung Alleinerziehende. 90 Prozent der 692.000 erwerbstätigen Alleinerziehenden mit Kindern unter 13 Jahren sind Frauen.11 Sie müssen mit der Schließung der Betreuungseinrichtungen nun irgendwie zurechtkommen. Der Verband alleinerziehende Mütter und Väter (VAMV) hat deswegen eine Petition gestartet, die Notfallbetreuung für die Kinder von Alleinerziehenden zu öffnen – unabhängig davon, ob sie als „systemrelevant“ erachtet werden.12

Wer in diesen Zeiten Home-Office machen kann, hat Glück. Aber: Home-Office und gleichzeitig Kinder zu betreuen, hat noch nie funktioniert. So schreibt Barbara Vorsamer in der Süddeutschen Zeitung in ihren Sechs Tipps für die Schule zuhause13: „Der ultimative Tipp, wie man Berufstätigkeit, Kinderbetreuung und Schulunterricht als Mutter oder Vater in einer Dreizimmerwohnung wuppt, steht hier nicht. Weil es nicht geht.“ Überlastung und Konflikte sind dort vorprogrammiert, wo Betreuung neu geplant werden muss (und zwar ohne die Großeltern), Eltern plötzlich die Funktion der Schule übernehmen sollen und so ganz nebenbei noch der Haushalt zu stemmen ist.

Beschränkungen der Sozialkontakte und der Mobilität bringen Stress und Spannungen imZusammenleben, vor allem in Familien. Was vielen nicht bewusst ist: Die eigenen vier Wände sind für Frauen einer der gefährlichsten Orte im Leben, das zeigen die Studien zu Partnerschaftsgewalt des BKA.14 Der Frauenrat meldet: „In Zeiten von #SocialDistancing und #StayAtHome gibt es große Befürchtungen, dass häusliche Gewalt zunehmen wird. Bitte seid Achtsam im eigenen Umfeld auch über die Ferne. Und bitte teilt die Nummer des Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen, die 24h für Betroffene erreichbar ist.“

Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern klagen schon seit langer Zeit über Überbelegung, schlechte Arbeitsbedingungen und Personalmangel. Die Frauenhausinfrastruktur ist derzeit unterfinanziert, auch wenn sie nun ausgebaut werden soll. Ministerin Giffey hat noch vor der Corona-Krise angekündigt, dass ihr Ressort von diesem Jahr an 120 Millionen Euro zusätzlich für den Ausbau von Beratungsstellen und Frauenhäusern bereitstellt.16 Sehr bald
wird es jedoch um die Frage gehen, wie die öffentlichen Gelder in Krisenzeiten neu verteilt werden, eine Wirtschaftskrise steht vor der Tür. Schon jetzt gibt es Subventionen und die Ankündigung von Konjunkturprogrammen. Wird dann weiterhin die Frauenhausfinanzierung wie zugesichert aufgestockt, um Frauen vor Gewalt zu schützen, oder wird der laufende Haushaltsplan kurzerhand umgestrickt, weil es in der Krise Dringenderes zu tun gibt?

Konventionelle Wirtschaftspolitik übersieht gerne, welche Wirkung Krisen auf die Geschlechterverhältnisse und welche Folgekosten eine verfehlte Gleichstellungspolitik hat. Gewalt gegen Frauen bedeutet nicht nur vermeidbares Leid, sondern kostet die gesamte Gesellschaft auch viel Geld17, die chronische Unterfinanzierung des Gesundheits- und Pflegesektors forderte schon vor der Pandemie Opfer und die schlechte Bezahlung der Care-Arbeit führt bereits heute zu Altersarmut insbesondere von Frauen.18

Auch in Zeiten der Krise muss gelten: Vorhandene Ungleichheit darf nicht noch verschärft werden. Und dasWissen hierzu ist eigentlich vorhanden.19 So hat Mara Kuhl einen „Kriterienkatalog für geschlechtergerechte Krisenpolitik“ entwickelt.20 Er fußt auf einer Analyse des Konjunkturpaketes, das in der Wirtschaftskrise 2008 in Kraft gesetzt wurde.21 Eine der Maßnahmen war das Kurzarbeitergeld, Kuhl stellt fest: „Zu Hochzeiten der Inanspruchnahme des Kurzarbeitergeldes
im Jahr 2009 waren von allen Beschäftigten, die Leistungen in Anspruch nahmen, 78% Männer und 22% Frauen. Von den Mitteln für die berufliche Qualifizierung während des Bezugs von Kurzarbeitergeld aus dem Europäischen Sozial Fonds (ESF) für Deutschland wurden sogar über 85% für Männer ausgegeben“22 Auch wenn männlich dominierte Branchen von der Krise unmittelbar und schnell betroffen waren – andere Wirtschaftszweige wie den Einzelhandel traf es durchaus auch. Das Kurzarbeitergeld wurde zwar im Nachhinein korrigiert, sodass etwas mehr Frauen Zugang zu dieser Förderung erhielten. Aber wo war eigentlich das Förderprogramm, als kurze Zeit darauf die Drogeriekette „Schlecker“ pleite ging und mehrere Zehntausend weibliche Beschäftigte ihre Jobs verloren?

Ein geschlechterpolitischer Baufehler wurde jedoch wieder im gerade neu aufgelegten Kurzarbeitergeld beibehalten: es berechnet sich nach dem Nettoentgeltausfall. Da aber viele (gerade westdeutsche) Verheiratete immer noch die Steuerklassenkombination III/V haben, bei der das Nettoeinkommen von Frauen besonders niedrig ist – sinkt die Höhe des Kurzarbeitergeldes für die Steuerklasse V (häufig die der Frau) erheblich und verschärft damit den Gender (Netto) Pay Gap.23

Auch wenn vieles darauf hindeutet, dass Frauen in und durch die Corona-Krise gesellschaftlich den Kürzeren ziehen könnten – Männer sind offenbar stärker direkt von der Krankheit betroffen. In China lag die Todesrate von Männern bei 2,8 Prozent, während die für Frauen bei 1,7 Prozent lag (von 45.000 Fällen).24 Die Ursachen hierfür sind noch unklar, eine Vermutung ist, dass es in China deutlich mehr Raucher als Raucherinnen gibt, eine andere, dass Frauen im Schnitt ein besseres Immunsystem haben.25 Und in Deutschland? Von den 7.156 labordiagnostisch bestätigten COVID-19- Fällen in Deutschland zum Stand 19. März
sind 56 Prozent von Männern und 44 Prozent von Frauen (von den Fällen mit Angabe zum Geschlecht). Von den 20 Todesfällen in Folge von Covid19 sind zwölf Männer und acht Frauen, dabei waren alle Verstorbenen älter als 65 Jahre.26 Das ist eigentlich überraschend, denn Frauen stellen hierzulande aufgrund der demografischen Entwicklung weitaus mehr Hochaltrige und Pflegebedürftige27 – und stellen wohl den weitaus größeren Anteil der Risikogruppe. Die Fallzahlen sind natürlich zu klein, um Rückschlüsse zu ziehen. Setzt sich der Trend jedoch fort, wäre es gut zu wissen, warum Männer eine höhere Vulnerabilität
aufweisen. Dies könnte ermöglichen, präventive Maßnahmen zielgerichteter zu gestalten. In der Bewältigung der Pandemie ergreift die Politik jetzt viele

Maßnahmen, die erhebliche Konsequenzen für die Menschen haben werden - und dies unter einem extremen Zeitdruck.Durch einen geschlechtersensiblen Blick kann die Situation besser verstanden werden: Welche Auswirkungen haben Maßnahmen auf „die Bevölkerung“ – also Frauen und Männer in ihrer Vielfalt? Welche gesellschaftlichen Gruppen sind stärker betroffen als andere? Welche dieser Gruppen sind im Entscheidungsprozess vielleicht noch nicht im Blick? Eine
analytische Durchdringung der aktuellen Problemlagen (auch) nach Geschlecht macht Politik besser, zielgerichteter und gerechter - auch, oder gerade in Krisenzeiten. Der vorliegende Beitrag kann nur einige Aspekte anreißen, möchte aber den Blick auf die Pandemie um eine Perspektive erweitern, die leider häufig ein blinder Fleck bleibt.28 Die entscheidende Frage wird sein, wer oder was nach der Corona-Krise weiterhin „systemrelevant“ sein wird und ob sich der nun angeschärfte Blick auf die Care-Arbeit und die Geschlechterverhältnisse Geltung verschaffen kann. Sprich: ob wir in der Lage sein werden, aus dieser Katastrophe zu lernen.24

 1 Für Anregungen ein herzliches Dankeschön an Irene Pimminger 2 Zitierhinweis: Frey, Regina (2020): Corona und Gender – ein geschlechtsbezogener Blick auf die Pandemie und ihre (möglichen) Folgen. Download: http://www.gender.de/cms-gender/wp-content/uploads/gender_corona.pdf

(Arbeitspapier)
3 https://m.tagesspiegel.de/politik/umgang-mit-der-coronavirus-krise-es-si...
25661322.html#layer
4 Sachverständigengutachten: https://www.gleichstellungsbericht.de/gutachten2gleichstellungsbericht.pdf,
Bundestagsdrucksache 18/12840 vom 21.06.2017:
https://www.bmfsfj.de/blob/117916/7a2f8ecf6cbe805cc80edf7c4309b2bc/zweit...
5 https://www.gleichstellungsbericht.de/kontext/controllers/document.php/1...
6 https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Gesundh...
7 https://www.iwkoeln.de/fileadmin/publikationen/2016/290006/IWGutachten_
Schaefer_Schmidt_Beschaeftigung_im_Einzelhandel.pdf
8 https://www.sueddeutsche.de/politik/angela-merkel-rede-coronavirus-wortl...

15 Auch hier:
9 https://www.bmfsfj.de/blob/117916/7a2f8ecf6cbe805cc80edf7c4309b2bc/zweit..., S.
95.
10 https://www.ndr.de/nachrichten/info/12-Schulen-schliessen-und-Gemeinden-... ab ca.
Min. 3:25.
11 https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/03/PD20_N012_1...
12 https://weact.campact.de/petitions/berufstatige-alleinerziehende-in-der-...
13 https://www.sueddeutsche.de/panorama/coronavirus-schule-eltern-erziehung-
1.4848907!amp?__twitter_impression=true
14
https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteU...
rtnerschaftsgewalt_2018.html;jsessionid=4D74C7C1521409B383E086C99AE37B22.live2302?nn=63476
15 https://twitter.com/Frauenrat/status/1240261631935946756, Siehe auch https://taz.de/Frauenhaeuser-in-der-Corona-
Krise/!5668969/

16 https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/mediathek/dr--franziska-giffey-startet-kamp...
17 https://eige.europa.eu/gender-based-violence/estimating-costs-in-europea...
18 https://www.bmfsfj.de/blob/117916/7a2f8ecf6cbe805cc80edf7c4309b2bc/zweit..., S.
189ff.
19 Siehe z.B.:
https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/4a10e8f6-d6d6-4...
20 http://library.fes.de/pdf-files/dialog/09519.pdf, S. 6ff.
21 https://library.fes.de/pdf-files/wiso/07230.pdf
22 Ebd., S. 12
23 Die genauen Auswirkungen dieses Lohnsteuerverfahrens untersucht derzeit ein Forschungsprojekt der Hans-Böckler-
Stiftung: https://www.boeckler.de/de/pst_fofoe_project_detail.htm?projekt=S-2019-2...

24 https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-03-11/coronavirus-will-make...
25 https://www.nytimes.com/2020/02/20/health/coronavirus-men-women.html
26 https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsb...
de.pdf?__blob=publicationFile
27 http://www.gbe-bund.de/oowa921-
install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=i&p_aid=23512859&
nummer=510&p_sprache=D&p_indsp=105&p_aid=21181399
28 Allgemein hierzu: Caroline Criado Perez (2019): Invisible Women. Exposing Data Bias in a World Designed for Men.
Penguin Random House, UK